Sprachförderung findet nicht nur im Morgenkreis statt. Eine der wirksamsten Methoden ist zugleich eine der ältesten: Märchen nachbauen. Erst wird vorgelesen, dann wird der Schauplatz gebaut, dann erzählen die Kinder die Geschichte mit ihren Figuren nach – und sprechen dabei mehr, als sie in jeder angeleiteten Runde sprechen würden.
Warum Bauen zum Erzählen führt
Wer ein Haus baut, in dem die Großmutter wohnt, muss sich überlegen: Wo ist die Tür? Wo kommt der Wolf rein? Das Bauwerk gibt der Geschichte einen Ort. Kinder, die im Kreis still bleiben, reden in der Bauecke – weil sie nicht vor allen sprechen, sondern mit ihrem Bauwerk. Das gilt besonders für Kinder, die Deutsch als zweite Sprache lernen: Die Steine sind die Brücke.
Der Ablauf in drei Schritten
- Vorlesen – am Vortag oder am Morgen, mit Bilderbuch.
- Bauen – in Kleingruppen von drei bis vier Kindern. Jede Gruppe baut einen Schauplatz: das Haus im Wald, den Turm, den Brunnen.
- Erzählen – die Gruppen besuchen sich gegenseitig, und jede erzählt an ihrem Bauwerk ihren Teil der Geschichte. Die Fachkraft hält sich zurück und fragt nur: „Und dann?“
Drei Märchen, die sich besonders gut bauen lassen
Rotkäppchen: Zwei Häuser (Mutter und Großmutter) und ein Weg dazwischen. Die Kinder legen den Weg aus Quadern und bauen Bäume aus hochkant gestellten Steinen. Erzählimpuls: „Was sagt der Wolf?“ – Dialoge sind die Königsdisziplin der Sprachförderung.
Rapunzel: Ein einziger hoher Turm. Die Herausforderung ist die Statik, und genau darüber reden die Kinder: „Der wackelt!“ „Nimm unten mehr Steine!“ Der Anker-Märchenkasten 2 enthält Rapunzels Turm als Vorlage und die passenden Figuren.
Der Froschkönig: Ein Brunnen aus im Kreis gelegten Steinen und ein Schloss. Erzählimpuls: „Was verspricht die Prinzessin?“ Der Anker-Märchenkasten 1 bringt Rotkäppchen, Froschkönig und weitere Märchen mit Figuren und Kulissen.
Mit oder ohne Märchenkasten?
Es geht mit jedem Baumaterial. Die Märchenkästen haben zwei Vorteile: Die Bauvorlagen zeigen den Kindern, wie ein Schloss oder ein Turm aussehen kann, und die Figuren geben der Geschichte sofort Personen. Für Einrichtungen, die regelmäßig mit Märchen arbeiten, lohnt sich das; für den gelegentlichen Einsatz reicht der Grundkasten 6 plus Figuren aus dem Fundus.
Varianten für ältere und jüngere Kinder
- Ab 3 Jahren: Die Fachkraft baut, die Kinder stellen die Figuren und sprechen die Sätze nach.
- Ab 4 Jahren: Die Kinder bauen nach Vorlage und erzählen in eigenen Worten.
- Vorschulkinder: Die Gruppe erfindet ein neues Ende – und baut es. Oder sie baut ein Märchen, das die anderen erraten müssen.
Dokumentation fürs Portfolio
Ein Foto vom Bauwerk, dazu ein Satz, den das Kind erzählt hat, wörtlich aufgeschrieben. Das zeigt Eltern beim nächsten Gespräch mehr über die Sprachentwicklung als jeder Beobachtungsbogen. Weitere Ideen für die Bauecke findet ihr im Artikel Bauecke im Kindergarten einrichten; alle Kästen in unserer Ankerstein-Kollektion.
Häufige Fragen
Wie fördert Bauen die Sprache?
Das Bauwerk gibt der Geschichte einen Ort. Kinder erzählen daran mehr, als sie es im großen Kreis tun würden, besonders Kinder, die Deutsch als zweite Sprache lernen.
Welche Märchen eignen sich zum Nachbauen?
Besonders gut Rotkäppchen, Rapunzel und der Froschkönig, weil sie wenige, klare Schauplätze haben.
Braucht man dafür einen Märchenkasten?
Nein, es geht mit jedem Baumaterial. Die Anker-Märchenkästen bringen aber Bauvorlagen und Figuren gleich mit.
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