Menschen gehen am Rathaus in Bad Blankenburg vorbei. Ein schönes Gebäude, bei dem man vielleicht stehen bleibt, vielleicht auch nicht. Dort ist allerdings am 28. Juni 1840 etwas passiert, was heute in fast jedem Land der Welt dasselbe Wort hervorgebracht hat: "Kindergarten". Auf Englisch. Auf Japanisch. Auf Spanisch - das deutsche Wort. Und es stammt aus Bad Blankenburg.

Ein Mann mit einem schwierigen Lebenslauf
Friedrich Fröbel war kein Pädagoge vom Fach. Er wurde 1782 in Oberweißbach geboren, ein paar Täler weiter von hier, als Sohn eines Pfarrers. Seine Mutter starb, als er noch kein Jahr alt war. Der Vater hatte wenig Zeit für ihn, die Stiefmutter noch weniger. Später sagte Fröbel, er habe seine Kindheit vor allem im Garten und im Wald verbracht, mit Pflanzen, Steinen und Beobachten. Das klingt romantisch, war aber vermutlich einfach einsam.
Er lernte Förster, vermaß Land, studierte in Jena ein bisschen Mathematik, wechselte wieder. Mit Mitte zwanzig landete er beim Schweizer Pädagogen Pestalozzi und merkte, dass ihn ein Thema nicht mehr losließ: Wie lernen Kinder, bevor sie in die Schule kommen? Damals eine seltsame Frage. Kleine Kinder wurden beaufsichtigt, nicht gebildet. 
1817 gründete er in Keilhau bei Rudolstadt eine Schule. Die gibt es heute noch. Dort entstand auch sein Buch „Die Menschenerziehung“, das kaum jemand las. Fröbel war oft pleite, oft in Streit, und er hatte eine Idee, die seiner Zeit zwanzig Jahre voraus war.
1837: Fröbel zieht nach Blankenburg
Mit 55 Jahren kam er hierher. Nicht, weil die Stadt so bedeutend war. Blankenburg war ein kleines Städtchen im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt, und die Landesherren ließen ihn in Ruhe. Das war in Thüringen mit seinen vielen Kleinstaaten leichter als anderswo.

Er mietete ein Haus und eröffnete eine „Pflege-, Spiel- und Beschäftigungsanstalt für Kleinkinder“. Der Name ist sperrig, die Idee war einfach: Kinder unter sechs Jahren treffen sich, spielen mit einfachem Material und werden dabei begleitet, nicht belehrt. Nebenbei ließ Fröbel in seinem Wohnhaus in Blankenburg nach eigenen Entwürfen die ersten Spielgaben aus Holz fertigen und verschickt sie: Kugel, Walze und Würfel sowie die Bausteine, die durch Teilung des Würfels entstehen; später das Faltpapier. 1837 begann Fröbel in Blankenburg mit der Spielgabenherstellung - die Spiel- und Beschäftigungsanstalt eröffnete 1839. Die Bausteine kann man heute noch kaufen: Ein paar Kilometer weiter in Rudolstadt werden sie seit über hundert Jahren als Anker-Steine gegossen, zum Beispiel als Fröbelgaben aus Anker-Steinen. Für alle, die Fröbels Ideen im eigenen Kindergarten-Alltag umsetzen möchten, bereiten wir gerade einen Online-Fröbelkurs vor – die Warteliste ist schon offen.

Der Spaziergang, von dem jeder in Blankenburg erzählt
Die Anstalt hatte noch keinen richtigen Namen. Fröbel suchte lange. „Kleinkinderschule“ wollte er nicht, denn Schule war genau das, was er nicht meinte. Die Geschichte, die man sich hier erzählt, geht so: Im Frühjahr 1840 ging er mit seinen Mitarbeitern Middendorff und Barop auf den Steiger, den Berg über der Stadt. Von oben sah er auf das Tal, die Gärten, die Felder. Und dann soll er gerufen haben: „Kindergarten! Die Anstalt soll Kindergarten heißen!“
Ob es genau so war, weiß niemand. Aber das Bild stimmt: Fröbel dachte sich Kinder tatsächlich wie Pflanzen. Nicht, weil sie hübsch sind, sondern weil man sie nicht ziehen kann. Man kann ihnen nur gute Erde geben, Licht, Wasser und Zeit. Das Wachsen selbst schenkt Gott. Wer so denkt, braucht keinen Lehrer, sondern einen Gärtner. Und die Frauen, die er für diese Aufgabe ausbildete, nannte er folgerichtig Kindergärtnerinnen. Auch das ein neuer Beruf.
28. Juni 1840: der Rathaussaal
An diesem Tag versammelte Fröbel Leute aus der Stadt und aus der Gegend im Saal des Blankenburger Rathauses und stiftete den „Allgemeinen Deutschen Kindergarten“. Das Datum hatte er bewusst gewählt. Man feierte gerade 400 Jahre Buchdruck, und Fröbel meinte: Gutenberg hat den Erwachsenen die Bildung gebracht, jetzt sind die kleinen Kinder dran. Ein großes Wort für eine Gründung mit ein paar Dutzend Kindern. Aber er hatte recht.

Was ihn von den Bewahranstalten seiner Zeit unterschied, lässt sich in einem Satz sagen: Bei Fröbel war das Spiel keine Pause vom Lernen, sondern das Lernen selbst. Kinder durften selbst tun, selbst ausprobieren, selbst entscheiden. Das war damals so ungewohnt, dass ihm manche vorwarfen, sein Kindergarten sei eine „Pflanzstätte der Demokratie“. Als Vorwurf gemeint. In Wahrheit ist es ein Kompliment.
Verboten, vergessen, wiederentdeckt
Lange konnte Fröbel sich nicht freuen. 1851 verbot Preußen die Kindergärten. Man verwechselte ihn mit seinem Neffen Karl, der politische Schriften geschrieben hatte, und witterte sozialistische Umtriebe. Fröbel starb ein Jahr später in Marienthal bei Bad Liebenstein, 70 Jahre alt, enttäuscht. Das Verbot fiel erst 1860. In Thüringen hatte man sich ohnehin nie daran gehalten, und von hier aus trugen seine Schülerinnen die Idee nach England, in die USA, nach Japan.

Heute ist die „Kindergartenidee nach Friedrich Fröbel“ als immaterielles Kulturerbe in Deutschland anerkannt. Und Thüringen ist das einzige Bundesland, dessen Gesetz bis heute ausdrücklich „Kindergartengesetz“ heißt. Darauf sind die Bad Blankenburger ein bisschen stolz.
Was man in Bad Blankenburg heute sehen kann
Das Fröbel-Museum steht im Haus über dem Keller, in dem Fröbel seine Anstalt betrieb. Es ist klein, liebevoll gemacht und lohnt sich, besonders mit Kindern, weil man die Spielgaben in die Hand nehmen darf. Vom Steiger aus hat man noch immer den Blick, den Fröbel hatte. Und in Keilhau, Oberweißbach und Marienthal gibt es weitere Orte, die zu einem schönen Fröbel-Tag im Thüringer Wald werden.

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Zum Weiterlesen: Diana Franke-Meyer, „Die Kindergartenidee nach Friedrich Fröbel als immaterielles Kulturerbe“, Mitglieder-Rundbrief des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes II/2023. Fröbel-Museum Bad Blankenburg, froebel-museum.de. Fröbelverein Marienthal, froebelverein-marienthal.de.
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