„Fröbelgaben“ klingt nach Museum. Nach Vitrine, Holzkasten, nicht anfassen. Dabei ist es das Gegenteil: Ein paar Kugeln, Würfel und Bausteine, die so einfach sind, dass Kinder sie seit 180 Jahren nicht langweilig finden. Ich erkläre hier, was die Gaben sind, was die Kinder damit lernen und wie man sie im Kindergartenalltag wirklich nutzt. Ohne Theorieseminar.
Warum „Gabe“?
Fröbel nannte sein Spielmaterial nicht Spielzeug, sondern Gabe. Das Wort ist Programm: Etwas, das man einem Kind in die Hand gibt, ohne zu sagen, was es damit tun soll. Kein Anleitungsheft, keine richtige Lösung. Das Kind entdeckt das Material, und der Erwachsene schaut zu, spielt mit, stellt höchstens eine Frage. Fröbel hat die ersten Gaben in Blankenburg fertigen lassen, in den Jahren, bevor er 1840 den ersten Kindergarten gründete. Sie waren von Anfang an für die Jüngsten gedacht, nicht als Lernmaterial für Schulkinder.

Die Gaben 1 bis 6, kurz erklärt
Gabe 1: der Ball. Sechs weiche Bälle aus Wolle in den Grundfarben, jeder an einem Faden. Für Babys und Einjährige. Rollen, schwingen, greifen, verstecken. Fröbel war überzeugt, dass die Kugel die erste Form ist, die ein Kind begreift, im wörtlichen Sinn.
Gabe 2: Kugel, Walze und Würfel. Drei Körper aus Holz, mit Ösen zum Aufhängen. Die Kugel rollt, der Würfel steht, die Walze kann beides. Kinder ab zwei Jahren vergleichen, drehen, lassen kreiseln. Das klingt nach wenig und beschäftigt erstaunlich lange.

Gabe 3: acht Würfel. Ein großer Würfel, der sich in acht kleine teilt. Das erste echte Baumaterial. Türme, Zäune, Bänke, ein Bett für die Puppe. Mit drei Jahren beginnt hier das Bauen.

Gabe 4: acht Quader. Derselbe große Würfel, nur anders geteilt: in acht flache Ziegel. Plötzlich gehen Brücken, Treppen und Tore. Und man merkt, dass gleiche Menge nicht gleiche Form heißt.
Gabe 5: 27 Würfel, einige geteilt. Jetzt wird es ernst: 21 ganze Würfel, dazu halbe und viertel Würfel als Dreieckssäulen, insgesamt 39 Teile. Mit den Dreiecken entstehen Dächer, Giebel, Schrägen. Vier- bis Fünfjährige bauen damit ganze Dörfer.

Gabe 6: 27 Quader, teils geteilt. 18 ganze Ziegel, dazu lange Säulen und flache Platten, zusammen 36 Teile. Das Material für Baumeister ab fünf. Mit den Gaben 5 und 6 zusammen lassen sich Bauwerke stellen, die Erwachsene ernsthaft beeindrucken.
Danach kommen noch die Legetäfelchen, Stäbchen, das Falten und Flechten. Aber die Gaben 3 bis 6 sind das Herzstück. Sie sind es, die man meint, wenn man vom „Fröbel-Baukasten“ spricht.
Lebensformen, Schönheitsformen, Erkenntnisformen
Fröbel hat beobachtet, dass Kinder mit demselben Material drei verschiedene Dinge tun, und zwar von selbst. Er hat ihnen nur Namen gegeben.
Die Lebensformen sind alles, was aus dem Alltag kommt: ein Haus, ein Zug, der Tisch, an dem die Familie sitzt. Die Schönheitsformen sind Muster. Sterne, Rosetten, symmetrische Bilder, bei denen das Kind einen Stein nach dem anderen legt und immer wieder guckt, ob es noch schön ist. Die Erkenntnisformen sind das, was man heute Mathe nennen würde: Zwei halbe Würfel sind ein ganzer. Vier Quader so hoch wie zwei Würfel. Das Kind rechnet nicht, es sieht.
Das Schöne daran: Man muss nichts davon erklären. Man muss nur wissen, dass es passiert, um es zu sehen.

So klappt es im Gruppenraum
Ein paar Dinge, die sich bei uns bewährt haben:
Ein Set, ein Tisch, wenig Kinder. Fröbelgaben sind kein Freispielmaterial für zwölf Kinder gleichzeitig. Zwei bis vier Kinder an einem Tisch, das reicht. Der Rest wartet oder baut mit anderem.
Auf dem Gitter bauen. Fröbel ließ auf Tischen mit einem Zentimeter-Raster spielen. Eine karierte Unterlage tut es auch. Die Kinder bauen ordentlicher, und die Schönheitsformen gelingen besser.
Nicht wegräumen, umbauen. Ein Fröbel-Grundsatz, der viel Streit spart: Aus dem Haus wird der Zug, aus dem Zug der Turm. Es wird nicht eingerissen, sondern verwandelt. Kinder nehmen das erstaunlich schnell an.
Der Kasten gehört dazu. Jede Gabe passt genau in ihre Kiste. Das Einräumen ist das letzte Spiel des Tages, kein Aufräumen. Wer den Würfel wieder zusammensetzt, hat etwas verstanden.
Mitspielen, nicht vormachen. Wenn du selbst etwas baust, bauen die Kinder nach. Wenn du fragst „Was wird das?“, erzählen sie. Letzteres ist spannender.

Welches Material?
Es gibt Fröbelgaben aus Buchenholz und es gibt die Version aus Anker-Steinen. Die Anker-Steine werden in Rudolstadt aus Quarzsand, Kreide und Leinöl gegossen, ein paar Kilometer von Fröbels Blankenburg entfernt, und sie fühlen sich an wie kleine Ziegel: schwer, kühl, griffig. Sie rutschen nicht, Türme stehen stabiler, und die gedeckten Farben sind genau die, die Fröbel meinte. Unser Fröbelgaben-Set enthält die Gaben 3 bis 6 aus Anker-Steinen, insgesamt 91 Teile, dazu passende Bauvorlagen. Wer größer bauen möchte, findet den klassischen Anker-Steinbaukasten mit Grund- und Ergänzungskästen. Wie man die Gaben im Kindergarten-Alltag einsetzt, zeigt bald unser Online-Fröbelkurs, für den die Warteliste schon offen ist.

Wenn du vorher reinschnuppern willst: Unser Fröbel-Poster zeigt die Spielgaben und ihre Geschichte, kostenlos zum Ausdrucken für den Gruppenraum.
Kindergartenbasics – für Erzieher mit Herz
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